Sarah Underberg vom Ärztenetz BOHRIS und Lisa Knuf von der Stadt Bocholt begleiten den ärztlichen Nachwuchs in die Niederlassung.

Sarah Underberg vom Ärztenetz BOHRIS und Lisa Knuf von der Stadt Bocholt begleiten den ärztlichen Nachwuchs in die Niederlassung. © Sven Betz

07.05.2023

16 weitere Allgemeinmediziner könnten sich in Bocholt, Rhede und Isselburg niederlassen

Originaler Artikel des BBV hier lesbar: https://www.bbv-net.de/Lokales/Bocholt/Zu-wenig-Hausaerzte-in-Bocholt-409092.html

Die Modellkommune hat zu wenig Hausärzte. Hinzu kommt, dass knapp 40 Prozent der Hausärzte in Bocholt, Rhede und Isselburg über 60 Jahre alt sind. Wenn sie in Rente gehen, könnte sich die Situation weiter verschlechtern. „Wir sind alarmiert“, betont Sarah Underberg vom Ärztenetz BOHRIS.

Wie viele Ärzte – seien es Fachärzte oder Hausärzte – sich in der Region niederlassen dürfen, bestimmt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Ihr Auftrag ist es, die ambulante Versorgung sicherzustellen. Die Bedarfsplanung der KVWL sieht vor, dass sich pro 1607 Einwohnern ein Hausarzt niederlassen darf. In Bocholt, Rhede und Isselburg sind derzeit gut 50 Hausärzte tätig, teilt die KVWL auf BBV-Anfrage mit. Der Versorgungsgrad liege hier bei 83,6 Prozent. Unterversorgt gilt eine Region erst ab einem Versorgungsgrad von 75 Prozent.

Nicht unterversorgt – auf dem Papier

Demnach sind Bocholt, Rhede und Isselburg derzeit noch nicht unterversorgt – „zumindest nach dem, was auf dem Papier steht“, sagt Lisa Knuf. Sie ist bei der Stadt die Ansprechpartnerin für Ärzte und übernimmt sozusagen das Stadtmarketing und die Wirtschaftsförderung im medizinischen Bereich. „Aber die Praxis sieht anders aus: Es ist schwierig, einen Hausarzt zu finden“, weiß Knuf. Das Ärztenetz BOHRIS unterstützt Zugezogene bei der Suche. Sie dürfen sich „nach erfolglosen eigenen Bestrebungen“ ans Ärztenetz wenden, erklärt Underberg.

Als Herausforderung für die nächsten fünf bis zehn Jahre sieht Underberg, dass knapp 40 Prozent der Hausärzte hier bald in Rente gehen. „Unser großes Interesse ist es, das aufzufangen“, sagt Knuf. „Ich glaube nicht, dass wir es schaffen, den Versorgungsgrad auf 100 Prozent zu bekommen. Das ist utopisch.“ Ziel der Stadtverwaltung sei es „den Versorgungsgrad so zu halten, wie er gerade ist“. Dann sei Bocholt „schon ganz gut bedient, gerade auch im Hinblick darauf, wie die Situation bundesweit aussieht“, betont Knuf. „Das ist eine schlimme Erkenntnis, aber auch das würde schon als Erfolg gelten.“

Bei Fachärzten laut KVWL überversorgt

Aus diesem Grund arbeiten die Städte Bocholt, Rhede und Isselburg eng mit dem Ärztenetz BOHRIS zusammen. „Unser Augenmerk liegt auf der Begleitung, Beratung und Förderung des ärztlichen Nachwuchses“, betont Underberg. Der Fokus liege derzeit auf den Hausärzten, denn bei den Fachärzten ist der Kreis Borken gemäß dem Bedarfsplan der KVWL überversorgt. Das betrifft zum Beispiel Augenärzte, Chirurgen und Orthopäden, Hautärzte, Frauenärzte, HNO-Ärzte, Kinderärzte und Psychotherapeuten. Trotzdem sind auch dort die Wartezeiten mitunter lang, sagt Knuf. „Doch selbst wenn wir als Kommune wollten, dass sich hier zum Beispiel weitere Kinderärzte niederlassen und wir welche in der Pipeline hätten, würden sie in der aktuellen Situation keine Zulassung kriegen.“

Eines ist aber sicher, betont Underberg: „Notfälle haben immer Vorrang.“ Um das sicherzustellen, habe das Ärztenetz ein eigenes System. Die Dringlichkeitsüberweisung werde nach dem Ermessen des Hausarztes aufgrund von medizinischen Indikationen gestellt.

Das Fehlen von Hausärzten führt Underberg nicht darauf zurück, dass zu wenig Ärzte an den Universitäten ausgebildet werden. „Moderne Arbeitsbedingungen, die eine entsprechende Work-Life-Balance ermöglichen, werden der hohen Arbeitsbelastung in den Praxen vorgezogen“, so Underberg. Hinzu komme, dass die Medizin weiblicher werde. „Dies hat zur Folge, dass Nachwuchs-Ärztinnen vermehrt vor dem Problem stehen, ihr Familienleben mit dem Job zu vereinbaren.“ Zudem überfordere die „zunehmende Bürokratisierung und das finanzielle Risiko, neben der Arbeitsbelastung in einer Arztpraxis“ die junge Generation zunehmend.

Wie fördert man den Nachwuchs?

„Wir wissen, wie wichtig es ist, den Nachwuchs während und nach der medizinischen Ausbildung zu fördern“, betont Underberg. „Als Wegweiser möchten wir den Nachwuchs behutsam, sowohl in ein Anstellungsverhältnis als auch, in enger Absprache mit den umliegenden Praxen, in eine Einzel-, Gemeinschaftspraxis oder Praxisgemeinschaften begleiten.“ Gemeinsam mit dem Ärztenetz besuchen die Städte Bocholt, Rhede und Isselburg auch zum Beispiel Messen. Einen Konkurrenzkampf gibt es zwischen den Kommunen nicht, betont Knuf: „Wir haben erkannt, dass wir uns nur gegenseitig unterstützen können.“

Die Stadt Bocholt gibt auch finanzielle Anreize. Seit 2019 fördert sie die Niederlassung und Anstellung von Ärzten, sagt Knuf. Seitdem hätten sich in Bocholt sieben Ärzte neu niedergelassen und in drei Jahren seien fünf Ärzte in Bocholter Hausarzt-Praxen angestellt worden.