Hintergrund

Die Stadt Bocholt hat im Rahmen eines Demografie-Fachforums schon früh erkannt, dass die medizinische Versorgung in der Stadt Bocholt, aber auch in den Städten Rhede und Isselburg in den nächsten Jahren nicht mehr gesichert sein könnte, wenn hier nicht gemeinsam mit den Ärzten des Mittelbereichs eine Strategie zur zukünftigen medizinischen Versorgung entwickelt wird. Dies geht aus dem Versorgungsplan mit Altersstruktur für die Hausärztinnen und Hausärzte sowie der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung hervor. Im Mittelbereich Bocholt, der die Städte Bocholt, Rhede und Isselburg umfasst, sind 29,8% der Hausärzte 60 Jahre alt oder älter. Zusammen mit einem momentanen Versorgungsgrad von 89,4% und der immer älter werdenden Bevölkerung bedeutet dies eine große Herausforderung für die Versorgung (Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, Stand: Mai 2019). Ähnliches gilt zukünftig für das fachärztliche Angebot.

Aus der Region für die Region
Um der drohenden Versorgungslücke aktiv entgegen zu treten, begann die Stadt Bocholt in Zusammenarbeit mit den Städten Isselburg und Rhede unter der Federführung von Elisabeth Böing vom Zukunfts- und Strategiebüro der Stadt Bocholt bereits 2012 mit dem Aufbau eines medizinischen Netzwerkes, zunächst mit den Hausärzten und später gemeinsam mit den Fachärzten des Mittelbereichs Bocholt. Diese enge Zusammenarbeit zwischen Kommune und Ärzten führte zur Gründung des Ärztenetzes BOHRIS e.V. am 7. April 2016. Acht Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen aus allen drei Kommunen sind ehrenamtlich im Vorstand des Vereins tätig. Mit den gesammelten Erfahrungen als Grundlage stellte die Stadt Bocholt in Absprache mit den Projektpartnern den Antrag für das LEADER-Projekt „Medizinisch gut versorgt und vernetzt in der Aa-Region“, das von der Stadt Bocholt geleitet wird.

LEADER-Projekt: „Medizinisch gut versorgt und vernetzt in der Aa-Region“

Das LEADER-Projekt „Medizinisch gut versorgt und vernetzt in der Aa-Region“ hat das konkrete Ziel, die medizinische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger in den Städten Bocholt, Rhede und Isselburg zu sichern und zukunftsweisend auszurichten. Dafür wurden durch die Stadt Bocholt Fördergelder beim europäischen Förderprogramm LEADER beantragt. Projektpartner sind das Ärztenetz BOHRIS e.V. sowie die Städte Rhede und Isselburg. Das Projekt erhielt einen positiven Förderbescheid, der von Regierungspräsidentin Dorothee Feller in Höhe von 110.983,48 Euro an die Stadt Bocholt überreicht wurde. Auch die Bürgermeister Peter Nebelo, Jürgen Bernsmann und Michael Carbanje der Städte Bocholt, Rhede und Isselburg freuen sich über die Zusage sowie die Zusammenarbeit.

Das Gesamtprojekt hat einen finanziellen Umfang von 170.743,82 Euro, die restlichen knapp 60.000 Euro der Projektkosten übernehmen die Städte Bocholt, Rhede, Isselburg und das Ärztenetz BOHRIS e.V., wobei BOHRIS e.V. finanziell von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe unterstützt wird.
Das stetig wachsende Projekt-Netzwerk soll Bestandteil der ambulanten Versorgung werden und in die gesamte Aa-Region ausstrahlen. Darüber hinaus möchte das Projekt die vielen Vorzüge der Region vermitteln, um den Ärztenachwuchs aller Fachrichtungen für die Region zu begeistern und von Beginn an eine Basis zur Zusammenarbeit zu bieten.

Dr. Michael Adam (Ärztenetz BOHRIS), Elisabeth Böing (Stadt Bocholt) (von links) und der erste Stadtrat Thomas Waschki nehmen die Förderurkunde von Regierungspräsidentin Dorothee Feller (dritte von links) entgegen.
Dr. Michael Adam (Ärztenetz BOHRIS), Elisabeth Böing (Stadt Bocholt) (von links) und der erste Stadtrat Thomas Waschki nehmen die Förderurkunde von Regierungspräsidentin Dorothee Feller (dritte von links) entgegen. © Dr. Michael Adam

Projektziele im Überblick

  • Sicherstellung der ambulanten Versorgung
  • Gewinnung, Förderung und Begleitung des ärztlichen Nachwuchses
  • Verbesserung der kollegialen, interdisziplinären Zusammenarbeit
  • Gestaltung der Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen der Ärztinnen/Ärzte und Mitarbeiter/innen
  • Schaffung neuer Versorgungslösungen
  • Initiierung und Intensivierung der Zusammenarbeit mittels Kooperationen
  • Effizienzsteigerung der täglichen ärztlichen Arbeit und dadurch die Möglichkeit, steigende Patientenzahlen zu bewältigen und mehr Zeit für jede/n einzelne/n Patient/in/en zu gewährleisten
  • Stärkung der Region und Förderung der Wahrnehmung als attraktiver Standort
  • Erhöhung der Bekanntheit des LEADER-Programms

Offiziell startete das auf gut zwei Jahre angelegte Projekt am 1. August 2018 mit der Anstellung von Romy Lauer, die als Netzmanagerin für das Projekt fungiert. Sie ist als Ansprechpartnerin für die verschiedenen Zielgruppen wie Haus- und Fachärzte, Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung, Krankenhäuser, Senioren- und Pflegeheime sowie Patientinnen und Patienten erreichbar.

Europäisches Förderprogramm LEADER

LEADER ist ein Förderprogramm der EU zur Stärkung des ländlichen Raumes und steht für "Liaison Entre Actions de Développement de l'Économie Rurale" (Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft). Es ist in den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des Ländlichen Raums (ELER) integriert und ein Schwerpunkt des NRW-Programms Ländlicher Raum 2014-2020. LEADER fördert die Stärkung des ländlichen Raums und der Menschen vor Ort, die regionale Prozesse aktiv mitgestalten können.

Interview mit Netzmanagerin des LEADER-Projekts

Romy Lauer spricht im Juni 2019 mit dem Regionalmanagement LEADER Region Bocholter Aa über ihre Arbeit und die Fortschritte im Projekt

 

Frau Lauer, die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen stellt eine große Herausforderung dar. Worum geht es genau in dem Projekt „Medizinisch gut versorgt und vernetzt in der Aa-Region“? Welche Ziele möchte man konkret erreichen?

Das Projekt hat zum Ziel, die ambulante Versorgung der Bürgerinnen und Bürgern zu sichern und widmet sich u.a. der Gewinnung, Förderung und Begleitung des ärztlichen Nachwuchses, der idealerweise in der Region beschäftigt bleiben soll. Zusätzliche Ziele sind die Gestaltung der Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen der Ärztinnen und Ärzte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Intensivierung der Zusammenarbeit, z.B. durch Kooperationen.

 

Sie probieren das allein oder welche Akteure arbeiten an dem Projekt noch mit?

Die Stadt Bocholt hat das Projekt initiiert und sich die Städte Rhede und Isselburg sowie das Ärztenetz BOHRIS e.V. als starke Projektpartner mit ins Boot geholt. Bereits seit 2013 besteht die Zusammenarbeit zwischen den drei Kommunen und mit Ärztinnen und Ärzten, 2016 wurde das Ärztenetz gegründet. Die bereits bestehenden Beziehungen zu anderen Akteuren im Gesundheitsbereich, wie z.B. anderen Netzen oder der Klinikum Westmünsterland GmbH, sollen im Rahmen des Projekts weiter ausgebaut und neue Kontakte geknüpft werden.

 

Was haben Sie bisher schon umgesetzt, um Nachwuchskräfte zu gewinnen, zu fördern und zu begleiten? Welche weiteren Maßnahmen wurden im Rahmen des Projekts noch umgesetzt? Können Sie uns da schon etwas nennen?

Am 11. April 2019 wurde ein Kooperationsvertrag mit der Klinikum Westmünsterland GmbH unterzeichnet, worüber sich alle Projektpartner sehr freuen. Der Vertrag beinhaltet gemeinsame Fortbildungen, einen gemeinsamen Auftritt auf Veranstaltungen sowie ein „Rundum-sorglos-Paket“ für den medizinischen Nachwuchs während der Famulatur, des Praktischen Jahres (PJ) und der Weiterbildung zum Facharzt. Dem Nachwuchs soll im ambulanten sowie im stationären Bereich eine fachlich hochwertige Ausbildung, Unterkunft und Mobilität aus einer Hand geboten werden. Um dieses Paket gemeinsam zu bewerben, wurde es bereits auf Veranstaltungen, wie z.B. der Fort- und Weiterbildungswoche der Akademie für medizinische Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe auf Borkum oder dem PJ-Tag der Universität Duisburg-Essen, vorgestellt. Zusätzlich haben wir Gespräche mit Universitäten geführt, die das „Rundum-sorglos-Paket“ bewerben können. Aktuell fand ein Termin mit der Universität Duisburg-Essen statt, bei dem wir mit einer Vertreterin der Fachschaft einen ersten Kontakt knüpfen konnten.

Um einen fachlichen und kollegialen Austausch für Medizinische Fachangestellte (MFA) zu schaffen, wurden Qualitätszirkel gegründet. Nach einer gut besuchten Auftaktveranstaltung im Januar 2019 konnten bereits im März zwei Qualitätszirkel starten. Die MFA aus Haus- und Facharztpraxen treffen sich einmal im Quartal, um fachliche Fragen und Probleme aus ihrem Praxisalltag zu besprechen und Tipps auszutauschen. Es freut mich sehr zu sehen, wie motiviert und engagiert die Teilnehmerinnen sind.

 

Was steht bei Ihnen nun als Nächstes an, welcher Projektbaustein steht vor der Umsetzung?

Wir planen derzeit für den Herbst eine Impfaktion, die in die Aa-Region ausstrahlen soll. Außerdem möchten wir Maßnahmen zur Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit zu einer häufig auftretenden Krankheit in der Region umsetzen. Wir arbeiten momentan an der Finalisierung einer gemeinsamen Homepage, die voraussichtlich im Juni 2019 fertiggestellt sein wird. (Nachtrag Juli 2019: die Homepage ist fertiggestellt und wird zukünftig regelmäßig aktualisiert)

 

Am Ende möchte ich gerne noch einmal auf das LEADER Programm zurückkommen.

Was haben Sie für Erfahrungen mit dem Programm LEADER gemacht? Kannten Sie dieses Förderprogramm vor Ihrem Stellenantritt? Ist die LEADER-Thematik in der Projektdurchführung (Mittelabrufe, Berichte etc.) für Sie schwer umsetzbar oder können Sie andere Personen auch ermutigen, ein LEADER-Projekt durchzuführen?

Ich kannte LEADER noch nicht, bevor ich die Stelle hier in Bocholt angetreten habe. Da ich in meiner vorherigen Position als wissenschaftliche Mitarbeiterin aber bereits Anträge für EU-Förderungen geschrieben und in einem EU-Projekt als Projektmanagerin gearbeitet habe, kannte ich die allgemeinen Abläufe eines Förderprojekts bereits. Der erste Bericht und der erste Mittelabruf brauchen etwas Zeit, aber die Nächsten gehen viel leichter von der Hand. Der bürokratische Aufwand ist allerdings teilweise relativ hoch, wenn man vom Originalplan abweicht.